Hundekot im Heu der Kühe

Es steht in allen Amtsblättern und auf Hundetoiletten und ist im Begriff, sich fest in den Gehirnen der Menschen, vor allem der betroffenen Landwirte, zu verankern: Die angeblich lebensbedrohliche Gefährdung der Kühe, sofern sie mit ihrem frisch gemähten Wiesenheu Teile von Hundekot aufnehmen. Diese Theorie geht ungeprüft von Mund zu Mund und ist dazu angetan, den ohnehin weit verbreiteten Hundehaß in der Bevölkerung immer weiter zu schüren. Jeder Kolportierende weiß alles ganz genau, aber keiner weiß Namen oder Wirkungsweise des angeblich kuhtötenden Parasiten. Ängstliche Hundehalter meiden bereits alle Regionen mit Feldern und Wiesen, um dem Ärger aus dem Weg zu gehen.

Der gefürchtete Erreger heißt Neospora caninum und wurde 1988 in den USA entdeckt und benannt, obwohl es ihn schon sehr viel länger gibt. Die Neosporose wurde in vielen Ländern nachgewiesen, so dass von weltweiter Verbreitung ausgegangen werden muss. Sofern ein Hund befallen wird, kann dies – muss jedoch nicht – ein ähnliches Krankheitsbild wie das der Toxoplasmose hervorrufen. Gesunde Tiere erkranken in aller Regel nicht an einem leichten Befall. Außer Hunden können zahlreiche andere Tiere wie Rinder, Pferde, Schafe und Rotwild infiziert werden.

Der Hundekot im Futter unserer Kühe wird zur Zeit als alleiniger Auslöser von Tot- oder Fehlgeburten bei Kühen dargestellt. Tatsächlich wurden bei Untersuchung der Föten vermehrt Neospora gefunden. Der wissenschaftliche Beweis, dass Neospora für sich allein Aborte auslöst, wurde bislang nicht erbracht. Man muss vielmehr annehmen, dass sich der Parasit als „Trittbrettfahrer“ in ohnehin kranken Föten ausbreitet. Von der Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe wurden allein 17 weitere Gründe für Rinderaborte aufgelistet, die auf andere Infektionen zurückzuführen sind. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass z. B. in Australien bei Herden mit 20prozentiger Neospora-Verseuchung so gut wie keine Aborte festgestellt wurden.

Es stimmt, dass Hunde nach dem Genuss von rohem, erregerhaltigem Fleisch – und nur dann! – vorübergehend und sehr kurz und in sehr geringen Dosen Dauerstadien des Parasiten im Kot ausscheiden. Gekochtes oder tiefgekühltes Fleisch kann keine Neospora mehr enthalten. Die Übertragung der Neospora-Stadien erfolgt im wesentlichen von der Kuh aufs Kalb und erzeugt bei gesunden Tieren in aller Regel kein Krankheitsbild. Die Erkenntnis, dass sich die Erreger in jüngster Zeit, also im Zeitalter von durchweg gekochtem Dosen- und Trockenfutter, sprunghaft vermehrt haben sollen, entlastet unsere Hunde und ihre Halter von der Verantwortung. Denn, wie gesagt, nur Hunde, die rohes, infiziertes Fleisch verzehren, scheiden die Erreger aus.

Das heißt jedoch nicht, dass wir unsere Hunde jetzt wieder fröhlich ins hohe Gras oder ins frisch gemähte Heu „Kacki machen“ lassen. Ob Neospora oder nicht: Kühe sind Pflanzenfresser und nicht dafür geschaffen, den Kot von Fleischfressern zu verzehren. Zudem wird vielfach – für uns nicht zu widerlegen – behauptet, die Kühe würden das mit Hundekot verunreinigte Gras gar nicht mehr fressen. Vernünftiges und rücksichtsvolles Verhalten der Hundebesitzer könnte daher viel zum Abbau von Vorurteilen beitragen.